Ich weiß ja leider immer noch nichts darüber, seit wann (mein) nach dem Weltkrieg liquidiertes Dörfchen Kalkofen jenseits der sächsisch-böhmischen Landesgrenze existiert hat. Aber ich weiß, dass da mindest zwei Mühlenbesitzer-Familien (v.Lobkowitz und Löwe), eine Gastwirts-Familie (Günther), eine Forsthaus-Familie (?) und eine Heger-Familie (Gaube) gelebt haben. GELEBT!

Was heißt das? Und was heißt das vor allem im Winter? Wer denkt schon an die einfachen Dinge im Leben, wenn er an „früher“ denkt? Wie haben die früher ihre Wäsche gewaschen? Wie haben sie in eisiger Winterskälte ihre Neugeborenen warm gehalten? Was machte man an den dunklen Wintertagen, und wie war es wohl winters in den ungedämmten Häusern ohne Zentralheizung, ohne fließendes und erst recht nicht warmes Wasser? Womit haben die Menschen geheizt, wenn sie sich im Gemeindewald doch nicht mal beim Sammeln von herunter gefallenen Ästen erwischen lassen durften? Ja, und wer hat sich mal Gedanken darüber gemacht, wohin man damals und vor allem in den eisigen Wintern aufs Klo ging?

Unterhalb von Günthers Gasthaus und Forsthaus Kalkofen stand das Haus der Hegerfamilie Gaube (das „Sauerkraut-Häusl“, wie es im nahen Rehefeld hieß), dessen Überreste ich allerdings noch nicht gefunden habe. Das Haus, in welchem ich heute wohne, gehörte auch einer Familie Gaube. Und wenn ich jetzt darüber sinniere, wie es früher in Kalkofen war, habe ich in meinem Kopf „mein“ Gaube-Haus, wie es 1981 in ihm aussah und was wir bei Bauarbeiten so alles gefunden haben.

Ich kann mir heute gut vorstellen, wie das im Heger-Haus der Familie Gaube einst war:

Mutter, Kinder und die alte Großmutter waren tagsüber meist zu Hause und hatten da immer zu tun. Das Leben im kleinen Häusl spielte sich vor allem im Winter fast ausschließlich in der Küche im Erdgeschoß ab. Hier war es schön warm, denn es stand hier der einzige Ofen, der mit Fichtenzapfen und getrocknetem Torf beheizt wurde. Auf der anderen Seite des Flures im Erdgeschoß war es auch warm – hier stand hinter einem offenen Fachwerk die Ziege, die der Familie Milch und Käse lieferte. Das wars eigentlich schon, was zur Einrichtung des Häuschens erwähnenswert ist…..

Ach nein, hinter dem Ziegenstall hatten die Erbauer des Häusls aus den Steinen, die im Wald herum gelegen hatten, ein kleines Gewölbe gesetzt – hier lagerten im Winter die bescheidenen Vorräte: Kartoffeln, Sauerkraut und Konserven aus Früchten aus Garten und Wald – Heidelbeeren, Preiselbeeren und Kirschen vom alten Baum neben dem Haus. Die getrockneten Pilze und Kräuter hütete die Mutter im Küchenschrank.

Das erste Stockwerk, zu dem eine einfache hölzerne Treppe hinauf führte, war gleichzeitig das Dachgeschoß. Eine Hälfte war mit Heu für die Ziege vollgestopft – die andere notdürftig in winzige Kammern unterteilt, die als Schlafzimmer dienten. Eiskalt war es hier oben, und oft stöberte der Schnee auch zwischen den Dachziegeln hindurch auf die Betten. Stellt es Euch nur einmal vor, wie sich das anfühlt! Zumal die Menschen damals auch nicht annähernd so wunderschön warmes Bettzeug hatten wie wir heute!

Eines habe ich noch vergessen: Auf der Rückseite des Hauses hatte der Vater aus Brettern einen kleinen Verschlag angebaut – die „Toilette“! Eisig war der Wind, der im Winter durch die Ritzen zwischen den Brettern pfiff, und genauso eisig war auch das große Brett mit dem Loch darin, auf das man sich setzen musste, um seine Notdurft zu verrichten. Die Grube, in die sie fiel, entleerte der Vater im Frühjahr mit einem Schöpfer – Dünger für Mutters Garten und das kleine Feld, das die Familie bewirtschaften durfte.

In jedem Jahr war das Feld etwas anders aufgeteilt. Mutter Gaube hatte bestimmt über Generationen von ihren Vorfahren gelernt, was es mit der sog. Fruchtfolge auf sich hat. So wechselten sich die wichtigsten lebensnotwendigen Feldfrüchte immer wieder ab: Hafer, Buchweizen und vor allem Kartoffeln. Das Saatgut gewann man immer wieder selbst – vor allem bei den Kartoffeln wurde es manchmal aber doch etwas knapp. Dann zerschnitten die Gaubes die wertvollen Knollen, die sie in die magere Erde legten, in Hälften – manches Jahr sogar in Viertel.

Überhaupt spielte die Kartoffel ein ganz wichtige Rolle für die Familie. Und das vor allem als Nähstoff- und Sättigungslieferant vor allem für die Menschen, aber auch für die Tiere. Viele überlieferte Rezepte aus alten Zeiten wie Klitscher, Schnudendunker, Raacher Maad, Buttermilch-Getzen aber auch die Zudelsupp und die Schwammesupp gingen ohne Kartoffeln gar nicht. Und natürlich gab es da auch den Ardäppel-Kuchen, mitunter die einzige Leckerei für die Gaube-Kinder.

Ja, und Kartoffelschalen verwendete Mutter Gaube sogar als Reinigungsmittel für den Suppentopf und die Bratpfanne. Und wenn sie im Frühjahr und im Herbst die Scheiben der winzigen Fenster reinigte, bediente sie sich zum Putzen auch der Kartoffelschalen, bevor sie sie der Ziege zum Fressen gab.

Kürzlich wurde den Gaubes wieder ein kleiner Erdenbürger beschert, allerdings kam der Kleine viel zu zeitig und war viel zu klein und zu schwach, um ohne Hilfe zu überleben. Was war es da ein Glück, dass die Großmutter noch lebte und den rettenden Gedanken hatte: Sie schickte den Vater zu Günthers in den Gasthof, wo er Speck von dem Schwein erbat, das vor wenigen Wochen geschlachtet worden war. Den schnitt die alte Frau in dünne Scheiben, wärmte sie in der Backröhre des alten Küchenofens, wickelte sie um den Säugling und darüber alles, was an Decken verfügbar war. So schaffte es der kleine Kerl, warm zu bleiben und ausreichend kräftig, um zu trinken und langsam wirklich auch zuzunehmen und zu wachsen.

Nun sollte man sich aber auch noch Gedanken darüber machen, woher das Wasser kam, das Gaubes zum Kochen und zum Waschen brauchten: Nachdem sie in ganz alten Zeiten einfach Wasser aus dem kleinen Bächlein in Kalkofen geschöpft hatten, stauten sie dieses später an einer Stelle oberhalb an und legten ein Rohr von da bis zum Haus, wo man Wasser nach Bedarf in ein Gefäß laufen lassen konnte. Das, was nicht gebraucht wurde, floß wieder zurück in das Bächlein. Später hatte der Vater oberhalb ihres Hauses eine recht feuchte Senke im Waldboden entdeckt und dort die Walderde weggekratzt. Auf diese Stelle baute er aus Waldsteinen einen Ring, in dem sich das Wasser sammeln und ansteigen konnte. Blätter, Zweige und Dreck blieben unten, und das saubere Wasser floß in ein Rohr an der Oberseite des Ringes und von da in einen weiteren Ring. Und so weiter, bis unmittelbar neben dem Gaube-Häusl aus einem Wasserhäusl ganz bequem mit dem Eimer Wasser entnommen und ins Haus getragen werden konnte.

Das kam dann in den großen Topf auf dem Küchenherd, in dem immer heißes Wasser vorrätig gehalten wurde – für den Zichorien-Kaffee, die Kartoffeln, die es mittags gab, für die notdürftige Körperwäsche und: fürs Waschen der Wäsche. Nun gab es aber allerdings in Kalkofen keinen Laden, in dem man Waschmittel kaufen konnte! Die Menschen kannten so etwas einfach auch gar nicht!

Aber sie hatten den großen Kastanienbaum am Forsthaus oben. Und die Kinder sammelten in jedem Jahr die Kastanien auf, die die Mutter zerkleinerte und trocknete. In der Nacht vor der großen Wäsche weichte sie eine kleine Menge davon in Wasser ein und hatte dann am nächsten Tag die „Seife“ für die Wäsche und natürlich auch für alle Familienmitglieder, die zuvor in der großen Zinkwanne in der Küche badeten (Kastanien enthalten Saponine – „sapo“ kommt aus dem Lateinischen und heißt Seife).

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